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Der erste Strich: Über Motilität, Mobilität und den Rhythmus, der beides ordnet

Veröffentlicht am 30. Juli 2026•Von Joshua Alsen
#Motilität#Mobilität#primär respiratorischer Mechanismus#Osteopathie#Embryologie#Blechschmidt
Eingerollter junger Farnwedel: die Spitze noch als Spirale zusammengelegt, die Fiederblätter am Stiel bereits geöffnet – eine Form mitten in ihrer eigenen Entstehungsbewegung

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Der erste Strich

Am fünfzehnten Tag geschieht etwas, das leicht zu übersehen ist. In der Zellscheibe, aus der ein Mensch wird, verdichtet sich eine Straße. Keine Struktur mit Funktion, kein Organ, nichts, was später einen Namen im Anatomieatlas bekäme – nur eine Richtung. Zum ersten Mal hat dieses Wesen ein Vorn und ein Hinten. Es gibt noch kein Herz, das schlagen könnte, keinen Kopf, der sich wenden könnte. Es gibt eine Achse. Und alles, was in den nächsten neun Monaten und den folgenden achtzig Jahren geschieht, wird sich auf sie beziehen.

Der Primitivstreifen ist die erste Handlung, nicht die erste Struktur. Aus ihm geht die Chorda dorsalis hervor, jene Zellsäule in der Mitte, an der entlang sich das Nervensystem baut. Später verschwindet sie fast vollständig; was von ihr übrigbleibt, sind die Kerne der Bandscheiben. Aber die Verabredung, die sie getroffen hat, bleibt bestehen. Es gibt jetzt eine Mittellinie, und von hier an ist jede Struktur des Körpers entweder auf ihr oder neben ihr.

Merken Sie sich diesen Strich. Am Ende dieses Textes wird sich herausstellen, dass jede Bewegung, von der die Rede sein wird, sich immer noch um ihn organisiert.

Geronnene Bewegung

Erich Blechschmidt, Anatom in Göttingen, hat sein Leben mit den ersten acht Wochen verbracht. Er wollte nicht wissen, was aus einem Embryo wird, sondern wie Form überhaupt entsteht. Seine Antwort war unbequem, weil sie der Zeit widersprach, die alles Gestalthafte im Erbgut suchte: Differenzierung geschieht in biodynamischen Stoffwechselfeldern, in räumlich geordneten Bewegungen des Stoffwechsels. Acht solcher Felder hat er beschrieben, und ihre Namen sind schon Bilder.

Muskel entsteht im Dilatationsfeld – dort, wo Gewebe passiv auseinandergezogen wird. Knorpel im Distusionsfeld, wo Gewebe aktiv nach außen drückt. Frühe Skelettanlagen im Kontusionsfeld, wo Zellverbände unter äußerem Druck gestaucht werden. Und die Mundregion entsteht in einem Corrosionsfeld: Ektoderm und Entoderm werden ohne Bindegewebe dazwischen aufeinandergepresst, bis die Membran nachgibt. Der Mund wird nicht gebaut. Er geschieht dort, wo zwei Blätter sich zu nahe kommen.

Blechschmidts Punkt war, dass Differenzierung nicht allein Genwirkung ist, sondern auch von außerhalb des Gens kommt – von Lage, Druck, Zug, Strömung. Nicht: hier soll ein Mund entstehen. Sondern: hier drücken zwei Flächen so lange aufeinander, dass eine Öffnung entsteht.

Was daraus folgt, ist der Satz, auf dem alles Weitere steht: Form ist verlangsamte Bewegung. Eine Düne hat ihre Gestalt, weil Sand wandert. Niemand käme auf die Idee, eine Düne für unbewegt zu halten, nur weil sie eine Woche lang gleich aussieht. Ein Organ ist der Abdruck eines Weges. Der Weg ist nicht vorbei, weil das Organ fertig ist.

Die Bewegung hört nie auf

Wenn Form aus Bewegung entsteht, drängt sich die Frage auf, ob diese Bewegung je aufhört. Die Antwort der Osteopathie lautet: nein. Sie wird nur klein.

Motilität ist Eigenbewegung. Nicht Bewegung, die von außen angestoßen wird, sondern die ein Gewebe mit sich selbst vollzieht. In der viszeralen Osteopathie hat Jean-Pierre Barral sie so gefasst: eine aktive, von der Umgebung unabhängige Bewegung um eine Achse, die mit der Wanderungsachse der Embryonalzeit zusammenfällt. Sieben bis acht Zyklen in der Minute, Amplituden im Millimeterbereich.

Das ist der eigentliche Gedanke, und er ist schöner, als er zunächst klingt. Die Leber hat sich in der Entwicklung gedreht. Die Lunge ist abgestiegen und hat sich verzweigt. Die Niere ist von unten heraufgestiegen, der Darm hat sich um seine Achse gewendet. Jedes dieser Organe trägt seinen Weg in sich, und Motilität wäre dann nichts anderes als die fortgesetzte Wiederholung dieser Formgeste – die Bewegung, die das Organ gemacht hat, um zu werden, was es ist, ein Leben lang im Kleinen weitergeführt.

Ein Missverständnis muss hier aus dem Weg. Es liegt nahe, Motilität für eine Eigenschaft der Organe zu halten, oder – wenn man von Sutherland herkommt – für ein Vorrecht von Nervensystem und Liquor. Beides greift zu kurz. Jedes Gewebe ist geformt worden, also hat jedes Gewebe eine Formgeste. Knochen, Membran, Faszie, Gefäßwand. Sutherland hat, als er den primär respiratorischen Mechanismus beschrieb, die Eigenbewegung dem Zentralnervensystem und dem Liquor zugeordnet und den Membranen und Knochen die Beweglichkeit. Das beschreibt, wo er hingesehen hat. Es beschreibt keine Teilung in der Natur.

Wenn Bewegung Nachbarn bekommt

Mobilität ist Beziehungsbewegung. Sie braucht immer zwei: einen Gelenkpartner, ein Nachbarorgan, eine Wand. Und ihre Achsen kommen nicht von innen, sondern aus der Aufhängung – aus Bändern und Mesos, aus dem Doppelblattsystem der serösen Häute, die aneinanderhaften wie zwei nasse Glasscheiben, aus dem Turgor der Organe und dem Druck in den Körperhöhlen.

Barral hat dafür ein brauchbares Bild: das viszerale Gelenk. Zwei Organe können zueinander stehen wie Gelenkpartner – Leber und Niere –, oder ein Organ und eine muskuläre Wand – Leber und Zwerchfell. Es gibt Gleitflächen, es gibt Bewegungsumfänge, es gibt Einschränkungen.

Der entscheidende Unterschied zur Motilität ist, dass Mobilität von außen ausgelöst werden kann. Vom Atem, von der Peristaltik, vom Herzschlag, von jeder Körperbewegung, von einer Hand.

Und der Atem ist dabei der beharrlichste Antrieb, den der Körper hat. Bei ruhiger Atmung schiebt das Zwerchfell die Leber bei jedem Zug ein bis zwei Zentimeter nach unten, bei tiefer Atmung erheblich mehr. Etwa zwanzigtausend Mal am Tag. Es gibt im Körper keine Struktur, die so unermüdlich durchbewegt wird wie die Bauchorgane, und keine, an die dabei so selten jemand denkt.

Man sollte Motilität und Mobilität deshalb nicht als zwei Eigenschaften nebeneinander denken, sondern als Innen- und Außenseite derselben Sache. Motilität ist Bewegung, solange sie mit sich allein ist. Mobilität ist, was aus ihr wird, wenn sie auf Welt trifft. Was daraus folgt, ist im Behandlungsraum täglich zu sehen: Eine über Jahre eingeschränkte Beweglichkeit dämpft irgendwann die Eigenbewegung, und eine verlorene Eigenbewegung zeigt sich früher oder später als Beweglichkeitsstörung. Die beiden reden miteinander.

Fluss und Ufer

Damit sind wir beim primär respiratorischen Mechanismus, und bei dem Wort, das am meisten Schaden anrichtet: Mechanismus.

William Garner Sutherland hat fünf Phänomene beschrieben:

  1. die inhärente Motilität von Gehirn und Rückenmark
  2. die Fluktuation des Liquor cerebrospinalis
  3. die Mobilität der intrakraniellen und intraspinalen Membranen – der reziproken Spannungsmembran
  4. die Mobilität der Schädelknochen
  5. die unwillkürliche Mobilität des Kreuzbeins zwischen den Darmbeinen

Gelesen als Bauteilliste einer Maschine ergibt das eine Kette: Etwas treibt an, etwas überträgt, etwas bewegt sich. Genau so ist es oft gelehrt und noch öfter angegriffen worden, und in dieser Lesart ist der Angriff berechtigt, denn eine Maschine dieser Art gibt es nicht.

Die andere Lesart ist tragfähiger. Fünf Phänomene sind keine fünf Teile, sondern fünf Fenster auf dieselbe Bewegung. Sutherland hat aufgeschrieben, wo man sie sieht, nicht wo sie herkommt. Und wenn Motilität keine Ausnahme ist, sondern die allgemeine Eigenschaft geformten Gewebes, dann ist der primär respiratorische Mechanismus kein Antrieb, sondern eine Ordnung: das, was entsteht, wenn unzählige lokale Eigenbewegungen in einen gemeinsamen Takt fallen.

Kein Motor also, sondern ein Fluss mit Ufern. Das Wasser fließt nicht, weil die Ufer schieben. Die Ufer geben ihm eine Form, in der aus Bewegung eine Richtung wird.

In der klassischen Beschreibung schwingt dieser Rhythmus acht- bis vierzehnmal in der Minute. Die Zahl ist das Uninteressanteste daran.

Breit und kurz, schmal und lang

Interessant ist die Geometrie. Der Rhythmus hat zwei Phasen, und sie sind nach dem Atem benannt: die Inspirationsphase, auch Flexion genannt, und die Exspirationsphase, die Extension.

In der Inspirationsphase bewegen sich Keilbein und Hinterhauptsbein an ihrer Verbindung so zueinander, dass sich die Fuge anhebt – das nennt man Flexion. Das Kreuzbein dreht um eine querverlaufende Achse in Höhe des zweiten Kreuzbeinsegments: die Basis geht nach hinten und oben, die Spitze nach vorn. Und die paarigen Knochen – Schläfenbeine, Scheitelbeine, Oberkiefer – gehen in Außenrotation.

Der ganze Körper wird dabei breiter, kürzer und flacher. In der Exspirationsphase kehrt sich alles um: Innenrotation, und der Körper wird schmaler, länger und tiefer.

Hier liegt das Prinzip, das sonst selten ausgesprochen wird, obwohl alles andere daran hängt. Es ist eine einzige Bewegung mit zwei Ausdrucksformen. Auf der Mittellinie kann sie sich als Beugung und Streckung zeigen, weil dort eine Achse liegt, um die man beugen kann. Neben der Mittellinie liegt keine solche Achse. Also übersetzt sich dieselbe Bewegung dort in Rotation.

Damit sind wir wieder beim fünfzehnten Tag. Die Mittellinie wurde zuerst gemacht, und alles Spätere bezieht sich auf sie – auch das hier. Ob eine Struktur flektiert oder rotiert, ist keine Eigenschaft der Struktur. Es ist eine Auskunft darüber, wo sie zur Mittellinie steht.

Und noch etwas fällt auf: Volumen geht nicht verloren, es wandert. Was in der einen Phase in die Breite geht, geht in der anderen in die Länge. Der Körper pendelt zwischen zwei Formpolen, ohne dabei größer oder kleiner zu werden.

Dasselbe Muster wiederholt sich auf jeder Ebene. Die querliegenden Zwerchfelle – das Tentorium im Schädel, die obere Thoraxapertur, das Atemzwerchfell, der Beckenboden – bewegen sich in derselben Phase. Auch das ist keine Metapher. Es ist die Bauform.

Drei Minuten und ein Boden

Sie können das nachprüfen, und Sie brauchen dafür nichts als drei Minuten und einen Boden.

Legen Sie sich hin, die Knie angestellt, die Hände flach auf die unteren Rippen. Atmen Sie zunächst nicht besonders – atmen Sie einfach. Dann, nach einer Weile, lassen Sie die Einatmung tiefer werden, und achten Sie dabei nicht auf die Luft, sondern auf die Form. Beim Einatmen geht etwas nach außen und wird flacher. Beim Ausatmen wird es schmaler und länger. Dieselben zwei Pole, zwischen denen der langsame Rhythmus pendelt, nur dass Sie sie hier selbst bedienen.

Dann lassen Sie die Hände an die Oberschenkel wandern und machen dasselbe noch einmal. Achten Sie darauf, ob sich beim Einatmen etwas mitdreht. Bei vielen Menschen kommt eine Spur Außenrotation, bei manchen ist sie kaum zu finden, und beides ist in Ordnung. Wenn Sie sie finden: Sie haben dort nichts gedreht. Es ist dieselbe Bewegung wie in der Mitte, nur seitlich davon – und deshalb erscheint sie als Rotation.

Und dann hören Sie auf zu steuern. Lassen Sie die Atmung finden, was sie von allein tut, und bleiben Sie einfach liegen. Nicht suchen, nicht erwarten, nichts vertiefen. Nur warten, ob unter dem Rhythmus, den Sie eben gemacht haben, noch einer liegt, den Sie nicht machen.

Was Sie dort finden oder nicht finden, ist kein Beweis für irgendetwas. Es ist eine Gewöhnung der Aufmerksamkeit. Man kann nichts wahrnehmen, wofür man sich keine Zeit lässt.

Drei Atmungen, ein Wort

Warum heißt dieser Rhythmus überhaupt „Atmung", wenn kein Gas ausgetauscht wird? Das Wort primär trägt drei Bedeutungen gleichzeitig, und sie sind alle drei gemeint.

Zeitlich primär: Dieser Rhythmus ist da, bevor die Lunge je gearbeitet hat. Hierarchisch primär: Er ordnet, und die Lungenatmung setzt später darauf auf. Und zellulär primär: Die eigentliche Atmung ist die innere, der Stoffwechsel jeder einzelnen Zelle – die Lungenatmung ist nur ihr Zulieferer. Aus dieser dritten Bedeutung heraus wird verständlich, warum Sutherland das Wort gewählt hat. Er meinte nicht einen Vergleich mit der Atmung. Er meinte eine Verallgemeinerung von ihr.

Genau hier entstehen aber auch die Verwechslungen, an denen sich Gespräche über dieses Thema regelmäßig festfahren. Vier davon sind es wert, sauber auseinandergenommen zu werden.

Erstens: Die Inspirationsphase des Rhythmus ist nicht die Einatmung des Brustkorbs. Andere Frequenz, anderer Ursprung, und die Phasen laufen im Körper nicht zuverlässig eins zu eins parallel. Was das Selbstexperiment im vorigen Abschnitt zeigt, ist die gemeinsame Formgrammatik, nicht die gemeinsame Phase. Der Atem ist das Modell, das Sie bedienen können, um zu verstehen, wovon bei dem die Rede ist, den Sie nicht bedienen können. Er ist nicht dasselbe.

Zweitens: Was die kraniosakrale Sprache am Kreuzbein „Flexion" nennt, heißt in der biomechanischen Sprache Gegennutation. In der Inspirationsphase geht die Kreuzbeinbasis nach hinten – und genau diese Bewegung trägt in der anderen Schule den anderen Namen. Zwei Terminologien, ein Knochen, entgegengesetzte Wörter für dieselbe Sache. Wer mitten im Gespräch das Vokabular wechselt, ohne es anzusagen, erzeugt eine Verwirrung, die mit der Sache nichts zu tun hat.

Drittens: Barrals Inspir und Expir sind weder der Atem noch die kranialen Phasen. Hier hilft es, zwei Dinge auseinanderzuhalten, die oft in einem Satz zusammenfallen. Die Achse, um die ein Organ seine Eigenbewegung vollzieht, stammt aus seinem Entwicklungsweg – sie ist für jedes Organ eine andere. Die Namen bezeichnen lediglich die beiden Richtungen auf dieser Achse: In den gängigen Darstellungen steht Expir für die Bewegung zur Medianlinie hin, Inspir für die Gegenrichtung. Mehr steckt nicht dahinter. Die Wörter klingen nach Atmung, weil die Osteopathie ihr Vokabular gern von dort borgt – aber Frequenz und Auslösung haben mit der Lungenatmung nichts zu tun, und mit der kranialen Inspirationsphase fällt diese Bewegung ebenfalls nicht zusammen. Drei verschiedene Vorgänge, dreimal dasselbe Wortpaar.

Viertens, und das ist der tückischste: In der Medizin bedeutet „Motilität" etwas anderes. Gastrointestinale Motilität heißt dort Peristaltik. Das ist keine falsche Verwendung des Wortes – auch die Peristaltik ist eine fortlaufende Eigenbewegung, die niemand anstößt und niemand steuert. Nur beschreibt sie etwas anderes: die Welle, die an der Darmwand entlangläuft und den Inhalt weiterschiebt. Sie ist auf Transport hin beschrieben. Die Motilität im osteopathischen Sinn meint dagegen die Bewegung des Organs als Ganzes um seine eigene Achse, ohne dass dabei etwas transportiert würde. Zwei wirkliche Bewegungen desselben Organs, zwei Fächer, ein Wort. Wer mit einem Gastroenterologen über Motilität spricht, redet über etwas anderes als sein Gegenüber, und meistens merkt es keiner von beiden.

Das ist keine Wortklauberei. Eine Sprache, die bei ihren zentralen Begriffen unscharf ist, kann nicht beschreiben, was sie wahrnimmt.

Ein Drehpunkt, der sich verschieben darf

Bleibt die Frage, woran man erkennen würde, dass das alles gut zusammenspielt.

Sutherland hat dafür einen Ausdruck geprägt, der eleganter ist als alles, was danach kam: das automatic shifting suspended fulcrum, der selbsttätig wandernde, aufgehängte Drehpunkt. Gemeint ist der Ort, an dem die Sichel des Großhirns und die beiden Blätter des Kleinhirnzeltes zusammentreffen, in der Gegend des Sinus rectus. Um diesen Punkt organisiert sich die Bewegung der Membranen.

Entscheidend sind die beiden Adjektive. Der Drehpunkt ist aufgehängt, er sitzt nicht fest. Und er verschiebt sich von selbst, je nachdem, was die Bewegung gerade braucht.

Damit ist das Kriterium ausgesprochen, und es ist ein anderes, als man erwarten würde. Gesundheit ist nicht viel Bewegung. Gesundheit ist ein Drehpunkt, der sich verschieben darf. Eine Läsion ist ein Drehpunkt, der träge geworden ist – ein Ort, um den herum alles andere arbeiten muss, weil er selbst nicht mehr mitgeht.

Von dort aus lässt sich genauer sagen, was ein harmonisches Bild ausmacht. Klassisch beurteilt man Frequenz, Amplitude und Qualität. Aber die aufschlussreicheren Kriterien liegen woanders.

Phasensymmetrie. Viele Gewebe können eine Phase besser als die andere. Man spricht dann davon, dass eine Struktur in Inspiration gehalten wird oder in Exspiration. Gesundheit ist nicht Beweglichkeit – Gesundheit ist gleiche Leichtigkeit in beide Richtungen.

Der Durchgang durch die Neutrale. Schwingt die Bewegung durch die Mitte hindurch, oder arbeitet sie um eine Vorzugsstellung herum, die sie nie ganz verlässt?

Kohärenz über die Ebenen. Ob Schädel, Kreuzbein, Organe und Zwerchfelle in einem Takt gehen oder jedes für sich. Das ist es, was Ganzheitlichkeit an dieser Stelle heißt, und es ist nichts Geheimnisvolles daran: eine Welle statt vieler Bruchstücke.

Wer weiter in diese Richtung geht, findet in den biodynamischen Strömungen Beschreibungen noch langsamerer Ordnungen unterhalb des schnellen Rhythmus – Bewegungen von Minuten statt Sekunden. Ob man ihnen folgen will, ist eine andere Frage. Wichtig ist nur, sie nicht als konkurrierende Rhythmen zu lesen, sondern als ineinandergeschachtelte. Wer die Ebenen vermischt, produziert Unsinn. Wer sie als Schichten liest, versteht das Modell.

Was das hier ist und was nicht

Nichts von dem, was hier beschrieben wurde, ist ein Mechanismus im Sinne einer Maschine. Es ist eine Sprache für etwas Wahrgenommenes. Sprachen können präzise sein, ohne beweisbar zu sein – und sie werden unpräzise, wenn man sie für etwas anderes ausgibt, als sie sind.

Zurück zur Linie

Am fünfzehnten Tag also eine Straße im Zellrasen, und sonst nichts.

Was danach kommt, ist Bewegung, die langsam genug wird, um Gestalt zu heißen. Die Bewegung hört nicht auf, wenn die Gestalt fertig ist – sie wird klein und bleibt. Trifft sie auf Nachbarn, nennen wir sie Beweglichkeit. Ist sie mit sich allein, nennen wir sie Eigenbewegung. Und wenn viele solcher Eigenbewegungen in einen gemeinsamen Takt fallen, nennen wir das einen Rhythmus und geben ihm einen Namen, in dem das Wort Atmung vorkommt.

Auf der Mittellinie zeigt er sich als Beugung und Streckung, daneben als Drehung. Es ist derselbe Vorgang, zweimal übersetzt.

Man kann einen Menschen als eine Ansammlung von Teilen sehen, die sich bewegen. Man kann ihn auch als Bewegung sehen, die an manchen Stellen langsam genug geworden ist, dass wir ihr Namen gegeben haben. Das zweite Bild ist nicht poetischer als das erste. Es ist nur näher an dem, was am fünfzehnten Tag passiert ist.

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